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die horex: eine neu erfundene legende

Eine kleine Firma in Garching bei München hat einen verwegenen Plan: Sie will der deutschen Traditionsmarke Horex - ursprünglich 1920 gegründet im hessischen Bad Homburg bei Frankfurt von Fritz Kleemann und nach der Schliessung übernommen vom legendären Friedel Münch, dem "Mammut"-Bauer - neues Leben einhauchen. Einen sauberen Business-Plan und einen smarten Roadster-Prototypen mit Sechszylindermotor haben die Newcomer schon mal auf die Beine gestellt.

Clemens Neese hat Visionen. Aber ist auch Realist. Als der Schwabe 2004 nach zwanzig Jahren in der IT-Branche die Idee hatte, eine eigene Motorradmarke auf die Beine zu stellen, war ihm klar, dass ihm trotz seiner beruflichen Erfahrung und einem erprobten Networking entscheidende Voraussetzungen für das Vorhaben fehlten: Expertise, Alleinstellungsmerkmal und vor allem Geld.Aber Schwaben sind zähe Naturen: 2005 hat Neese seine Freunde und Ex-Kollegen Frank Fischer und Fritz Rombach von dem Projekt begeistert. 2007 bekam er das Patent für einen "VR-Motor im Einspurfahrzeug". Neese holte Know-how an Bord und baute sein Netzwerk aus: einen Designer, einen Triebwerksentwickler von der Hochschule München, Fahrwerks- und Kommunikationsexperten, erfahrene Zulieferer vom Fach. Der Business-Plan war so gut, dass er sowohl private Investoren als auch die KfW Mittelstandsbank und das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie überzeugte. Investoren- und Fördergelder flossen; Budget und Investitionsplan weisen inzwischen einen zweistelligen Millionenbetrag aus. Und 2009 gingen die Rechte an der legendären Motorrad-Marke Horex in Neeses Besitz über.



Seit Mitte Juni 2010 wird sein Traum vom "Neuen Deutschen Motorrad", an dem er sechs Jahre lang laborierte, öffentlich geträumt: Die Legende Horex, die 1960 abgewickelt worden war, ist wieder da. Historie neu gedacht. "Die neue Horex würde den alten Konstrukteuren sicher gefallen", sagt Clemens Neese auf der Präsentation in München."Der Plan war, die Konturen der alten Horex-Maschinen wie der Regina oder der Imperator in die aktuelle Zeit zu übersetzen. Aber gleichzeitig auf einen Overkill an modischem Schnickschnack zu verzichten," erklärt Designer Peter Naumann, Professor an der Hochschule München, den Prototypen. "Wir haben die Horex-Klassiker neu interpretiert: klare Linien, ästhetische Qualität, wertige Materialien. Zudem war von Anbeginn klar, dass wir das Herzstück des Fahrzeugs, den Motor, offen und ohne Plastikverkleidungen zeigen wollen."

Mit dem Motor wollen die Horex-Macher ihr Meisterstück abliefern: Verbaut wird ein flüssigkeitsgekühlter Sechszylinder-VR-Motor mit 1200 Kubikzentimetern Hubraum und Kompressoraufladung. VR-Motoren folgen einem Bauprinzip, bei dem die vier oder sechs Zylinder in zwei Reihen stehen, die sich im Gegensatz zum reinen V-Motor kaum sichtbar öffnen. Bei der neuen Horex beträgt die V-Öffnung nur 15 Grad - das von Neese patentierte Aggregat braucht daher nur einen Zylinderkopf, in dem drei parallel angeordnete Nockenwellen für drei Ventile pro Zylinder arbeiten. Der Motor der Horex läuft zurzeit auf der universitären Testbank und liefert - theoretisch unter Laborbedingungen - Spitzenwerte ab: Bei zwischen 180 und 200 PS soll die Leistung liegen, bei einem Drehmoment von etwa 150 Newtonmeter, das fast über das gesamte Drehzahlband bis 8500/min verfügbar ist. Möglich macht das die Aufladung durch den Kompressor, der direkt an der Kurbelwelle ansetzt. Dieses Motorenkonzept hat es bisher in einem Serienzweirad noch nicht gegeben.



Technisch ist die Horex unter der dezenten Retro-Haube ohnehin auf dem neuesten Stand der Technik: Verschiedene Fahrmodi elektronisch geregelt, Gabel, Bremsanlage und Anbauteile vom Feinsten, elektronisches ABS, Aluminium-Brückenrahmen mit Lenkkopf aus Stahl, Einarmschwinge mit Riemenantrieb; die sechs Auslassrohre an den Zylindern werden in einen untenliegenden Sammeltopf und drei schicke Endrohre geführt.



Sitzen oder gar fahren konnte auf dem Prototypen allerdings noch niemand: Ob die Ergonomie für Fahrer und Sozius stimmt, ob das Fahrwerk hält, was die Macher versprechen, wie der Sechszylinder röhrt, ob der Kompressor die enorme Leistung gutmütig abliefert - das steht in den Sternen. Und Sterne verglühen, denn Visionen und Illusionen liegen nicht weit auseinander. Der Standort für eine Manufaktur für die 150 Maschinen, die im vierten Quartal 2011 auslieferbereit sein sollen, ist noch nicht bestimmt. Das Aggregat der Horex soll von einem deutschen Motorenbauer extern gefertigt werden, doch 12 Monate sind für Feintuning und präzises Motor-Mapping ein äusserst enger Zeitrahmen, wenn von der Baureihe bisher nur ein Exemplar existiert. Auch der Testbetrieb unter Realbedingungen und die Straßenzulassung brauchen erfahrungsgemäß ihre Zeit.

Doch ob 2011 oder 2012, die Horex muss ihre Käufer erst finden. Neese, Fischer und Rombach, die inzwischen unter Horex GmbH firmieren, wollen im ersten Jahr über ein eigenes - noch nicht existierendes - Händlernetzwerk 150 Maschinen in Deutschland, Österreich und der Schweiz absetzen und dann im zweiten Schritt den europäischen Markt im Sturm nehmen: "Im zweiten Jahr wollen wir vierstellige Stückzahl erreichen, aber der Sprung über den Teich in den amerikanischen Markt muss wohlüberlegt sein", sagt Vertriebsleiter Rombach. Ob das bei einem avisierten Preis von über 20.000 Euro gelingt, bleibt abzuwarten.


Drei Männer und ihr Baby: Peter Naumann, Designer (li.), Frank Fischer (mi.) und Clemens Neese, beide Geschäftsführer der neuen Horex GmbH

Die alte Horex war ein Traum. Die neue kann einer werden. Aber wie die Geschichte auch ausgeht: Der Plan und der Prototyp, die waren schon mal Spitzenklasse. "Wir sind die neue Premiummarke", sagt Clemens Neese.

Links: Die neue Horex, Wikipedia-Artikel zur Horex
Quelle: www.spiegel.de, Artikel vom 16.06.2010


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